»Sie lebt in unserem Herzen ...«
Klar – aber wem? Den Arabern? Den Türken? Bestimmt fiel sie, wenn, dann einem dieser »Clans« zum Opfer. Denn da war ja auch diese »Antistimmung«, wie sich Mengelkoch erinnert. Doch während die deutschen Interviewpartner in dem ganzen Film seltsam distanziert bleiben, sind es interessanterweise ausgerechnet die Türken, denen die Stimme versagt und deren Trauer spürbar wird: »Sie hat als erste Richterin, die in einem hohen Amt sitzt, zu den Kriminellen den Kontakt auch gesucht.
[...] Und davon bräuchten wir mehr, und das war die einzigste [...]«, sagt ein türkischer Vater, bevor ihm die Stimme wegbleibt. »Leider hat sie sich umgebracht«, fährt er dann fort, »aber sie lebt immer noch in uns, in unserem Herzen, und dieses soziale Engagement, das sie uns beigebracht hat, wollen wir weiterführen.«
 
Resozialisierung unerwünscht
Und schlagartig wird einem an diesem Beispiel klar: Resozialisierung und Versöhnung sind im Grunde unerwünscht. Kirsten Heisig führte Gruppen zusammen und baute Spannungen ab. Dabei sind gerade Spannungen gefragt: Das »ausländische  Verbrechen« wird als Hammer benutzt, um die deutsche Gesellschaft zu zerschlagen – wobei übrigens auch der Hammer kaputtgeht. Die Richter sollen dabei ihre Arbeit machen und die Klappe halten – vor allem sollen sie ausländische Kriminelle nicht wirklich abschrecken oder erziehen, so wie Heisig das praktiziert hat. Heisig störte nur, vor allem, weil sie zum bundesweiten Vorbild für das Justizsystem zu werden drohte.
Nichts da, kämpft der Film tapfer gegen diese eindeutigen Eindrücke und O-Töne an: »Kirsten Heisig verausgabt sich – bei Gericht, in Neukölln. Dann fängt sie auch noch an zu schreiben: ein Buch über ihre  Arbeit – und versucht immer, ihrem Mann und ihren Töchtern gerecht zu werden«, suggeriert die Dokumentation ein Selbstmordmotiv, das  untergeht, bevor es überhaupt zum Tragen kommen kann. Sie sei ein lebensfroher Mensch gewesen, berichtet ein Kollege von lustigen Abenden »in der Eckkneipe«. Sie habe auch gerne getanzt, erzählt Migrationsbeauftragter Mengelkoch. Reiseprogramme hat sie so eingerichtet, dass sie auch noch im Londoner Pub ihr Fußballspiel
angucken konnte, erinnert sich Buschkowsky.
 
Eine nicht verheilte Wunde?
Halt – da war ja schließlich noch die Trennung von ihrem Mann, einem Oberstaatsanwalt. »Eine nicht verheilte Wunde« mutmaßt Monika Maron. Im Filmkommentar wird daraus eine »seelische Not«, die niemand wahrnimmt. Im Nachhinein habe er erfahren, dass sie im Jahre 2008 schon einmal
einen Selbstmordversuch unternommen habe, erzählt Buschkowsky. Aber: »Ich habe von diesem Teil ihres damaligen Lebens nichts mitbekommen«. Erstaunlich, denn »das war schon in einer Zeit, wo ich schon sehr gut mit ihr bekannt war und sehr enge Kontakte zu ihr hatte.«
Aber »weder im Vorfeld noch hinterher« habe er etwas davon mitbekommen. Diesen Teil ihres Ichs habe sie wohl »perfekt versteckt«. Vielleicht – vielleicht aber auch nicht. Denn einen Selbstmordversuch unternimmt man nicht wie einen Gang zum Zahnarzt oder zum Friseur.
Vielmehr ist ein Selbstmordversuch wie der tiefste Punkt eines Kraters, zu dem ein langer Abhang hinab- und auch wieder von ihm hinaufführt. Also ist es eher unwahrscheinlich, dass die Geschichte überhaupt stimmt.
 
Selbstmord »in einer emotionalen Hochstimmung«?
Aber »bei allem Erfolg wird es wohl immer einsamer um Kirsten Heisig«, spekuliert der Film weiter. Ihr Leben überfordere sie und andere, wissen die Autorinnen. Ja, mehr noch: »Die Anzeichen für ihren
Erschöpfungszustand werden übersehen.« Vielleicht, weil es keine gab? Nicht doch: »Niemand merkt, wie sie des Lebens müde wird.«  Aber schon wieder hagelt es O-Töne, welche diese subtile Selbstmordthese ad absurdum führen. Kurz vor ihrem Tod während der Fußball-WM 2010 ging
Heisig noch auf die Fanmeile, um das Spiel gegen Ghana zu sehen – geschminkt »wie ein kleines Fanmädchen«. Danach habe man noch getanzt, erinnert sich Kollege Müller.
Seine letzten Kontakte zu Kirsten Heisig seien die Kontakte zu einer Frau »in einer emotionalen Hochstimmung« gewesen, sagt Bezirksbürgermeister Buschkowsky. »Sie freute sich unheimlich über den Abschluss der Arbeiten an ihrem Buch. Sie freute sich auf den September.
Es stand fest, wann das Buch veröffentlicht werden wird. Sie freute sich auf Reaktionen auf ihr Buch. Und ihr war völlig klar, dass ihr Buch auch Reaktionen auslösen würde, weil es spricht ja auch eine klare Sprache. Also, sie war beruflich auf dem Höhepunkt.«

 
Der Stempel »Selbstmord«
Mit dem letzten O-Ton, den man sich zweifellos gut aufgehoben hat, versucht der Film ein letztes Mal das Ruder herumzureißen und der so schwer verfälschbaren Geschichte von Kirsten Heisig endgültig den Stempel »Selbstmord« aufzudrücken. Sie hätten ja auch über Suizid gesprochen, seufzt da Kollege Andreas Müller etwas zu vernehmlich in die Kamera: über »Tabletten nehmen«. »Im Nachgang war sie suizidal«, folgert Müller forsch ex post facto. Nach dem Motto: Wer Selbstmord begangen hat, der muss irgendwie auch selbstmordgefährdet gewesen sein – nur inwiefern, weiss man nicht genau. An Tabletten gestorben ist sie übrigens auch nicht.
 
 
Tod einer Richterin
Auf den Spuren von Kirsten Heisig
ARD
Mittwoch, 09.03.11, 
22:45–23:30 (45 Min.)